Dass man die Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ nicht als alleinige Informationsquelle verwenden sollte, ist mittlerweile wohl jedem geläufig. Dennoch verleitet das Portal mit seinen inzwischen fast anderthalb Millionen Artikel allein in der deutschsprachigen Version immer wieder dazu, alles für bare Münze zu nehmen. Das wohl populärste Beispiel: dem ehemaligen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg wurde ein weiterer Vorname in den Wikipedia-Eintrag geschmuggelt. Plump erschien dieser am nächsten Morgen bei SPIEGEL ONLINE, in der Süddeutschen Zeitung, im RTL-Nachtjournal und vielen anderen rennomierten Medien. Dieser Zwischenfall aus dem Jahr 2009 zeigt, welche Macht inzwischen hinter diesem Internet-Giganten steht.
„Warum um alles in der Welt hat das denn keiner bemerkt?“ fragt man sich da. Dabei gibt es doch über 250 Administratoren und noch viel mehr ehrenamtliche Nutzer, denen ein solches Malheur doch eigentlich aufgefallen sein müsste. Fehlanzeige. Bei Wikipedia ist man oft nur stark im Diskutieren, Löschen und Schikanieren. Diese Meinung teile nicht nur ich; auch viele andere Nutzer beklagen sich seit langem über die Methoden, mit denen gegen missliebige Artikel vorgegangen wird. Ewige Löschdiskussionen, Benutzersperren und Shitstorms stehen an der Tagesordnung. Was hinter den Kulissen des Riesen-Lexikons vor sich geht, konnte ich in meinen nunmehr drei Jahren als Wikipedia-Autor sehr gut beobachten.
Zum ersten Mal in der Geschichte der freien Enzyklopädie werden mehr Beiträge gelöscht als erstellt, berichtet das amerikanische Nachrichtenmagazin „Newsweek“.
Ein tragischer Schluss zu dem die FAZ da kommen muss. Teilweise stehen täglich mehr als hundert Artikel auf der schwarzen Liste. Besonders für neue Autoren ist der Frust bei einer Artikellöschung groß. Oft sitzt man stundenlang vor einem Artikel und muss dann zusehen, wie ein Administrator die Arbeit mit einem Mausklick zunichte macht. Der häufigste Grund für die Entfernung von Texten ist die vermeintlich fehlende Relevanz.
Sucht man bei Wikipedia beispielsweise nach „iPad“ wird man schnell auf den Artikel „Apple iPad“ stoßen. Dieser beginnt mit „Das Apple iPad ist ein Tablet-Computer des US-amerikanischen Herstellers Apple Inc.“. Dieser Satz ist schlichtweg falsch, da es inzwischen mehrere iPad-Generationen gibt. Sucht man nach Tablets von Samsung, so findet man zu jedem einzelnen Gerät einen eigenen Artikel. Diese Aufteilung ist ja auch sinnvoll: Man bekommt die gewünschten Informationen wesentlich übersichtlicher und die Länge des Textes wächst nicht ins unermessliche. Doch was geschah, nachdem ich mich dieser Aufgabe angenommen hatte, dem iPad 2 und 3 jeweils einen eigenen Eintrag zu spendieren? Komplett-Löschung ohne Angabe von Gründen. Das selbe Ziel hatte ich auch mit dem iPhone-Artikel. Dort stieß meine Teilung auf große Zustimmung. Worin liegt der Unterschied? Die verschiedenen iPhone-Modelle haben eigene Artikel, beim iPad ist das aber offensichtlich nicht zulässig. Reine Willkür.
Mit ihren undurchsichtigen Relevanzkriterien steht sich die Wikipedia selbst im Weg. Anstatt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und neue Autoren zu fördern, diskutiert man lieber seitenlang über Einträge wie „Taumatawhakatangihangakoauauotamate-
aturipukakapikimaungahoronukupokaiwhenuakitanatahu“.
Inzwischen bin ich immerhin in der Benutzer-Hirarchie selbst auf einer Ebene, von der aus auch ich die Beiträge anderer Nutzer rückgängig machen und sichten kann. Fast täglich muss ich mir mit ansehen, wie Artikel neuer Benutzer ohne Begründung gelöscht werden. Auf deren Nachfrage heißt es dann nur: „Ein Wikipedia-Artikel ist keine Belohnung für gute Taten. Er ist ein Spiegel der Bedeutung.“


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Steven
18 August 2012 um 17:08Bewerten:
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Eine Löschung sollte transparenter ablaufen. Ein klarer Grund als Kurzform (Fehlende Relevanz) und eine ausführliche Begründung und dann kann man das ganze ja abstimmen lassen, Autoren und andere in eine solche Entscheidung einbeziehen und nicht der persönlichen Meinung folgen.
Dieser Berg ist aber sehr geil. Der sollte aufjedenfall erhalten bleiben :D
Aber wie dem auch sei, vor dieser Aufgabe Transparenz in Löschverhalten und das einbeziehen immer größer werdender Communites in Administrative Arbeit stellt ein Problem vieler großer Projekte insbesondere der Content Fabriken da.
René
18 August 2012 um 19:03Bewerten:
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Wenn Wikipedia dem “L.W.” verfallen ist; Man sollte eine Art von Forum für dessen Autoren einrichten um über dessen Themen, welche aus dem Wikipedia entfernt worden sind zu diskutieren. Bzw. Wie man es schafft, daß diese Einträge erhalten bleiben. Auch ohne Relevanzierungen.
Frederic S.
19 August 2012 um 9:08Bewerten:
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Traurig aber wahr, dein Artikel. Bin aus diesem Grund schon vor einem Jahr auf die englische Wikipedia umgestiegen, aber mittlerweile scheint’s da ja genauso abzugehen.
Karl
19 August 2012 um 23:56Bewerten:
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Sollen sie löschen, dann haben sie bald keine Autoren mehr.
Wenn ich so was schon höre dann hab ich schon keine Lust dafür zu schreiben.
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